Barrierefreiheit im Agenturalltag etablieren

Zusammenfassung
Unser Artikel in der t3n!
Wie praxisnah und effektiv unser Ansatz zur Barrierefreiheit ist, zeigt die Ausgabe 84: Unter dem Titel „Inklusion Inklusive“ teilt unsere Kollegin Victoria darin unsere erprobte Prozess-Roadmap als Best Practice für die gesamte Branche.

Barrierefreiheit beginnt mit Überforderung: Warum das völlig in Ordnung ist
Barrierefreiheit im Web ist kein neues Thema. In Konferenzen, Fachartikeln und Kund:innengesprächen taucht es immer häufiger auf. Und doch ist es ein Thema, dessen Umsetzung im Arbeitsalltag gerne einmal aufgeschoben wird, jedoch nicht aus mangelnder Haltung, sondern aus Unsicherheit. Denn das Thema Barrierefreiheit in die Arbeitsabläufe sinnvoll zu integrieren, fühlt sich nach einer großen Aufgabe an. Komplex. Schwammig. Und irgendwie auch nie „fertig“.
Genau vor dieser Herausforderung standen wir auch. Uns war klar, dass ein oberflächliches Kratzen an der Oberfläche nicht reicht – wir mussten tiefer einsteigen. Zumal auch die Kund:innennachfrage nach barrierefreien digitalen Lösungen immer weiter zunahm. Unser Anspruch bei Format D ist es, Produkte zu entwickeln, die für alle Menschen zugänglich und benutzbar sind, unabhängig von körperlichen oder kognitiven Voraussetzungen. Allerdings lag das tiefe Fachwissen anfangs nur bei vereinzelten Personen im Team. Uns fehlte ein einheitliches Fundament aus einem gemeinsamen Verständnis und festen Prozessen.

Warum Barrierefreiheit sich am Anfang so überfordernd anfühlt
Das größte Problem war am Anfang nicht die Motivation, sondern die Unklarheit:
- Was bedeutet Barrierefreiheit eigentlich konkret?
- Wie „barrierefrei“ kann eine Website überhaupt sein?
- Welche gesetzlichen Vorgaben gelten für kleine Unternehmens-Webseiten?
- Wie klären wir unsere Kund:innen fundiert auf, ohne die Grenze zur Rechtsberatung zu überschreiten?
- Welchen zeitlichen Mehraufwand bedeutet Barrierefreiheit in der Praxis wirklich?
Wer einmal versucht hat, die WCAG vollständig zu lesen, weiß, wie anspruchsvoll der Einstieg sein kann. Die Web Content Accessibility Guidelines sind der internationale Standard für Barrierefreiheit im Web – umfangreich, technisch formuliert und voller Querverweise. Es wird schnell deutlich: Barrierefreiheit ist kein starrer Zustand. Es ist vielmehr eine fortlaufende Entwicklung.
Gleichzeitig standen auch viele unserer Kund:innen vor ähnlichen Fragen: Was bedeutet Barrierefreiheit konkret für unsere Website? Welche Anforderungen gelten rechtlich? Und wie stellen wir sicher, dass wir angemessen handeln, ohne zu viel oder zu wenig zu tun? Diese Unsicherheit ist vollkommen nachvollziehbar – schließlich bewegen sich auch Unternehmen zwischen Nutzerbedürfnissen, Budgets und juristischen Graubereichen.
Unser Einstieg führte über Konferenzen, Fachartikel und Webinare. Dabei wurde schnell klar, dass sich Barrierefreiheit nicht einfach kopieren lässt. Wir mussten eigene Workflows definieren und Rollenbilder so anpassen, dass die Umsetzung für unser Team praktikabel und nachhaltig bleibt.
Solange weder wir noch unsere Kund:innen genau einschätzen konnten, was notwendig und sinnvoll ist, blieb das Thema schwer zu greifen. Und so wanderte Barrierefreiheit von Projekt zu Projekt mit – immer mit dem Gefühl: „Wir sollten uns darum kümmern. Aber wann? Und wie?“

Screenshot aus dem Alignment der Craft Leads zu Barrierefreiheitsstandards

Gemeinsames Arbeiten an barrierefreien Lösungen im Deep Dive
Vom Einzelwissen zur gemeinsamen Verantwortung
Anfang 2025 kam der Impuls von unseren Craft Leads, das Thema Barrierefreiheit strategisch anzugehen. Im Rahmen unseres Shared-Leadership-Modells sind die Mitarbeitenden in dieser Rolle dafür zuständig, eine gleichbleibend hohe Produktqualität innerhalb der einzelnen Units zu sichern. Sie hinterfragen bestehende Methoden und passen Prozesse laufend an. Gemeinsam haben wir klare Strukturen geschaffen, um unsere internen Standards für alle transparent und greifbar zu machen.
Kurz gesagt: Wir wollten Barrierefreiheit für uns zur Routine machen.
Warum Barrierefreiheit für Nutzer:innen, Kund:innen und das Produkt wichtig ist.
Jede Rolle soll verstehen, was sie beitragen kann.
Barrierefreiheit sollte sich natürlich in bestehende Workflows einfügen.
Ohne Rechtsberatung zu sein und ohne sie mit Fachbegriffen zu überfordern.
Wie Barrierefreiheit heute Teil unserer Prozesse ist
Als wir begonnen haben, Barrierefreiheit strukturiert in unsere Projekte zu integrieren, war uns wichtig, kein künstliches Zusatzprojekt zu schaffen. Barrierefreiheit sollte nicht nur dann sichtbar werden, wenn jemand aktiv daran denkt, sondern ganz automatisch in unseren täglichen Routinen und Entscheidungen mitschwingen. Das bedeutet für uns, dass – egal ob im Design, Development oder in der Redaktion – Barrierefreiheit für uns kein nachträgliches Pflaster ist, das ganz am Ende auf ein fertiges Produkt geklebt wird. Sie muss von der ersten Skizze über das erste Code-Snippet bis hin zum fertigen Text in jedem Element stecken.
Um dies zu garantieren, haben wir verschiedene Bausteine entwickelt, die organisatorisch und fachlich ineinandergreifen.
1. Die richtigen Fragen zur richtigen Zeit
Häufig hören wir von Kund:innenseite den Wunsch nach „Barrierefreiheit“, ohne dass direkt klar ist, was das konkret für das eigene Projekt bedeutet. Statt einem einmaligen Workshop, setzen wir heute auf einen Fragenkatalog, der das Projekt kontinuierlich begleitet.
Bereits im Strategie-Workshops zu Zielgruppen oder User Journeys streuen wir relevante Fragen ein. Wir wollen zum Beispiel wissen: „Gibt es Zielgruppen, bei denen Barrierefreiheit für euch zum Wettbewerbsvorteil wird?“ oder „Gibt es bereits unternehmensinterne Richtlinien dazu?“.
Diese Fragen tauchen nicht blockweise, sondern genau dann auf, wenn sie thematisch passen. Es entsteht ein ganz natürlicher Dialog, bei dem wir unsere Kund:innen Stück für Stück mitnehmen, statt sie mit der Komplexität zu überfordern.

2. Dokumentation als gemeinsame Grundlage
Ein wesentlicher Baustein ist unsere eingeführte Dokumentationsvorlage, in der wir Barrierefreiheits-Anforderungen, die Bedürfnisse der Zielgruppe sowie klare Zuständigkeiten festhalten. Wir befüllen diese Basis direkt zu Projektbeginn und pflegen sie Schritt für Schritt im Laufe der Entwicklung ein.
Die Dokumentation ist unsere gemeinsame Leitlinie im Team, die garantiert, dass Barrierefreiheit von Beginn präsent ist, statt erst kurz vor dem Launch.

3. Ein Angebotsmodell, das Orientierung schafft
Zu den größten Hürden gehört oft die Frage, Wie viel Barrierefreiheit für das eigene Projekt überhaupt notwendig und sinnvoll ist. Um die Entscheidung einfacher zu machen, haben wir unser Angebot in logisch aufeinander aufbauende Module unterteilt, die unterschiedliche Detailstufen abbilden.
Das Spektrum reicht von einem soliden technischen Fundament über eine barrierearme Redaktion bis hin zur optionalen, offiziellen Zertifizierung. Unsere Kund:innen können so genau den Umfang wählen, der zu ihren Zielen passt, ohne sich vorher durch trockene Gesetzes- und Richtlinientexte quälen zu müssen. Wir als Format D behalten zudem intern den Überblick darüber, welche To-dos und Aufwände anstehen und wie sich diese auf das Budget sowie die Aufgabenverteilung auswirken.
Dieses Baukastensystem etabliert eine gemeinsame Sprache zwischen Design, Development und Kundenseite. Es macht ein sonst oft ungreifbares Thema von Anfang an kalkulierbar, nachvollziehbar und transparent.

4. Accessibility in Tickets und täglichen Entscheidungen sichtbar machen
Barrierefreiheit ist kein Thema, das man erst ganz zum Schluss per Checkliste abhakt. Sie entsteht vielmehr direkt im Entstehungsprozess, also dort, wo Code geschrieben, Layouts entworfen und Inhalte gegliedert werden. Aus diesem Grund ist das Thema bei uns ein fester Bestandteil des Ticketsystems. Jedes Funktionselement wird mit präzise formulierten Acceptance Criterias versehen. Diese legen genau fest, welche Anforderungen zu erfüllen sind und an welches Modul sie anknüpfen.
Ein Accordion wird bei uns beispielsweise nicht einfach pauschal mit dem Label „barrierefrei“ versehen. Stattdessen knüpfen wir die Entwicklung an messbare Bedingungen: die reine Steuerung über die Tastatur, visuelle Fokuszustände, die korrekte Verwendung von ARIA-Attribute oder die Darstellung bei starker Schriftvergrößerung.
Alle diese Detailvorgaben sind direkt mit unseren Modulen und den internationalen WCAG-Richtlinien verknüpft.
Dieser Ansatz über unsere Projekt-Tickets bietet einen doppelten Mehrwert: Unserem Team liefert er eine verlässliche Orientierung für Design, Entwicklung und Qualitätssicherung. Gleichzeitig erhält die Kundschaft einen transparenten Nachweis darüber, welche Maßnahmen im Projekt umgesetzt wurden.
Barrierefreiheit verliert so ihren theoretischen Charakter und wird zum praktischen Begleiter bei jedem Prozessschritt.

5. Wissen verteilen – nicht zentralisieren
Barrierefreiheit im Agenturalltag steht und fällt mit zwei Faktoren: Es braucht Initiator:innen, die den Anstoß geben, und ein Team, das das Vorhaben mitträgt. Die fachliche Verantwortung liegt bei uns primär in den Händen der Craft Leads. Ihre Aufgabe ist es, interne Leitlinien zu definieren und die Barrierefreiheit als festen Standard in unseren Workflows abzusichern. Sie fungieren dabei keineswegs als isolierte Einheit, sondern als Katalysator, um das nötige Wissen im gesamten Team zu verankern.
Die Schwerpunkte sind dabei wie folgt aufgeteilt: Im UX/UI-Design liegt der Fokus verstärkt auf visuellen Hierarchien, Typografie, Kontrastwerten und intuitiven Bedienmustern. Das Development-Team konzentriert sich auf Code-Semantik, Tastatursteuerung, logisches Fokus-Handling und widerstandsfähige Komponenten. Die Redaktion lernt in spezifischen Workshops, wie barrierefreie Inhalte verfasst und langfristig gepflegt werden.
Diese Aufteilung schafft keine festen Zuständigkeiten. Unser Ziel ist es, dass jede Unit seinen Beitrag leistet, um gemeinsam das gesamte Spektrum der Barrierefreiheit abzudecken. Die Initiative geht somit von einer kleinen Gruppe aus, mündet jedoch in einer kollektiven Verantwortung; getragen von einer gemeinsamen Vision und einem einheitlichen Verständnis.

"Eine zentrale Unterstützung auf diesem Weg waren KI-Tools. Sie haben dazu beigetragen, die teils sehr sperrigen und theoretischen WCAG-Richtlinien in verständliche Sprache zu übersetzen, praxisnahe Anwendungsbeispiele zu liefern und die Vorgaben übersichtlich zu gliedern. Barrierefreiheit wurde dadurch viel greifbarer, als es reine Fachliteratur jemals hätte leisten können."
Und wo stehen wir heute?
Auch wenn wir uns mittlerweile deutlich sicherer auf diesem Terrain bewegen, begreifen wir das Ganze nach wie vor als langfristigen Prozess. Barrierefreiheit ist kein To do, das man einmalig abhakt. Jedes neue Vorhaben bringt individuelle Fragestellungen mit sich und bietet uns die Chance, weiter zu wachsen.
Was sich grundlegend gewandelt hat, ist das Fundament unserer täglichen Arbeit: Wir teilen heute ein einheitliches Bild davon, wie digitale Zugänglichkeit bei Format D gelebt wird. Wir greifen auf Workflows zurück, die uns Struktur geben, aber genügend Spielraum für Optimierungen lassen. Vor allem aber hat sich unser Mindset geändert: Für uns ist Barrierefreiheit keine lästige Zusatzschleife, sondern ein fester Indikator für Produktqualität, den wir vom ersten Moment an berücksichtigen.
Ein zentrales Learning der letzten Zeit: Barrierefreiheit scheitert in den seltensten Fällen an theoretischem Unwissen, sondern schlicht an mangelnder Praxis im Alltag. Es verlangt Konsequenz, das Thema in jeder Projektphase präsent zu haben und nicht erst beim finalen Review. Absolute Perfektion ab Tag eins ist dabei gar nicht der Anspruch. Viel wichtiger ist es, dranzubleiben und aus den Erfahrungen jedes Projekts zu lernen.
Der Start erfordert Investitionen: Das Einführen von Fragenkatalogen, Modulen, Dokumentationen und detaillierten Ticketvorgaben fühlt sich anfangs nach einem riesigen Zusatzpaket an. Und das ist es ehrlicherweise auch. Doch mit jedem erfolgreich abgeschlossenen Projekt geht diese Arbeitsweise tiefer in die Routine und den Alltag über.
Genau aus dieser Erfahrung heraus möchten wir andere Agenturen und Teams ermutigen, den ersten Schritt zu wagen. Die Hürde wirkt aus der Ferne riesig und komplex, doch sie schrumpft, sobald man einfach loslegt. Man muss nicht sofort die perfekte Lösung parat haben. Worauf es ankommt, ist der Entschluss, das Thema endlich anzupacken, und der Wille, diesen Entwicklungsprozess als Team gemeinsam zu gehen.

